Immer schon hat es die Menschen fasziniert, einen Blick in die Zukunft zu erhaschen. Orakel sollten Zukunfts- oder Entscheidungsfragen beantworten und eigene Entscheidungen festigen. Die entsprechenden Rituale waren fest im Leben der Menschen verankert.

Der römische Staatsmann Caesar wie auch der römische Historiker Tacitus nennen das Losorakel als Mittel zur Erforschung göttlichen Willens. Beim Los wird die Gottheit nach ihrem Willen gefragt. Meist übten Frauen diese Wahrsagekunst aus, doch bei Staatsangelegenheiten lag sie in der Hand des Priesters. Stets war sie mit Gebet und Opfer verbunden.

Tacitus beschreibt das Losen bei den Germanen folgendermaßen: „Beim Losen halten sie es einfach. Von einem Fruchtbaum hauen sie einen Zweig ab, zerschneiden ihn in Reiser, unterscheiden diese durch gewisse Zeichen voneinander und streuen sie dann über ein weißes Tuch hin ohne Plan und nach bloßem Zufall. Sodann spricht, wenn sich die Befragung auf öffentliche Angelegenheiten bezieht, der Priester der Gemeinde, wenn auf persönliche, der Hausvater selbst ein Gebet zu den Göttern, richtet seinen Blick zum Himmel empor, hebt dreimal je eines auf und gibt dann entsprechend dem vorher darauf eingedrückten Zeichen die Deutung. Ist ihre Antwort abschlägig, findet für diesen Tag keine Befragung über den gleichen Gegenstand mehr statt; ist sie zustimmend, wird noch überdies die Bestätigung der Vorzeichen erfordert“.

So genannte Lostage waren im Volksglauben besonders dafür geeignet, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Einer davon ist der Gedenktag der Heiligen Barbara, der 4. Dezember. Das heidnische Orakel wurde dabei christlich umgedeutet.

Vom heidnischen Orakel zum christlichen Brauch

Bis heute ist der Brauch überliefert, am Barbara-Tag Zweige von einem Obstbaum zu schneiden und in einer Vase in die Wohnung zu stellen – in der Hoffnung, dass sie an Weihnachten blühen. Je nach Gegend können Zweige von unterschiedlichen Bäumen verwendet werden, doch kommt den Kirschzweigen eine besondere Bedeutung zu: In einer Legende heißt es, dass sich ein Zweig vom Kirschbaum im langen Rock der Heiligen Barbara verfing, als sie von ihrem Vater in den Turm gesperrt wurde. Sie stellte diesen Zweig ins Wasser und so wurde er für sie zu einem Hoffnungszeichen. Die blühenden Kirschzweige sind so zu einem Symbol der Liebe geworden, die in dunkelster Zeit unser Herz erleuchtet. Wie viele Mythen der nordischen Völker kreist auch diese Legende um Licht und Dunkelheit, Wärme und Kälte, um den Winter und die Hoffnung auf neues Leben.

Tipps, damit die Zweige zu Weihnachten blühen

Man kann die Zweige über Nacht in Wasser legen, damit sie sich vollsaugen und nicht vor der Blüte vertrocknen. Manche Menschen behaupten auch, nur wenn die Zweige Frost hatten kämen sie zum Blühen – und stecken sie notfalls für eine Nacht in die Gefriertruhe. Wer es magischer mag, schneidet die Zweige unter besonderen Bedingungen (vor Sonnenaufgang oder beim Vesperläuten) und achtet darauf, dass man beim Schneiden der Zweige weder gesehen noch angeredet wird.

Und was sagen uns die blühenden Zweige?

Wenn die Zweige zu Weihnachten blühen, galt das früher als gutes Zeichen und man war im kommenden Jahr gegen Krankheiten gefeit. Bauern konnten Rückschlüsse auf die kommende Obsternte ziehen: je mehr Blätter und Blüten zu Weihnachten, desto üppiger sollte die Ernte ausfallen. Heiratswillige Frauen gaben einzelnen Zweigen den Namen von geeigneten Kandidaten. Wessen Zweig zuerst blühte, hatte die besten Chancen. Auch für die Lotterie können die Zweige herhalten: Kärtchen mit Nummern an die Zweige hängen und wenn sich eine Blüte zeigt, wird die Zahl in der Lotterie gesetzt. Und schließlich: Wer Barbara-Zweige in die Christmette mitnimmt, soll Verborgenes sichtbar machen können.